Stellungnahme

tal Audio Broadcasting (DAB) in der praktischen Erprobung

Privatradios beteiligen sich am digitalen Hörfunk

September 1996

Vorwort

Die Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR) wurde von den Verbänden des privaten Hörfunks aus Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen 1990 gegründet, um die Belange der Lokalradios zu vertreten. Inzwischen gehören ihr auch die Lokalradios in Sachsen, weitere Hörfunkveranstalter und als außerordentliches Mitglied der Bundesverband mittelständischer Fernsehanbieter e.V. an.

Seit geraumer Zeit gestaltet die APR die Diskussion um die Einführung von Digital Audio Broadcasting (DAB) mit. Die Interessen der von der APR vertretenen Hörfunksendeunternehmen sind von DAB betroffen. Die Privatradios stehen dieser Innovation aufgeschlossen gegenüber. Sie wollen die Vorteile für die Hörer nutzen. Daher ist die APR Mitglied der nationalen DAB-Plattform e.V. geworden, um sich an einem Konsens bei der Systemeinführung zu beteiligen. Unterschiedliche Interessen vor allem im Hinblick auf die wirtschaftlich risikoreiche Startphase von DAB sind durchaus vorhanden. Die DAB-Plattform e.V. hat es bislang noch nicht vermocht, einen tragfähigen Konsens zu vermitteln. Oft wurden kontroverse Themen nicht mit der gebotenen Offenheit diskutiert. In der Folge hat sich bei der Medienpolitik möglicherweise der Eindruck eingestellt, um die DAB-Einführung müsse sie sich nicht mehr weiter kümmern. Ein solcher Eindruck wäre unzutreffend.

Diese Schrift will den Standpunkt der Privatradios, insbesondere der lokalen und regionalen Sender, verdeutlichen . Zusammengefaßt ist das Ziel der APR: Die DAB-Einführung muß wettbewerbsneutral erfolgen, der private Teil des dualen Rundfunks darf nicht benachteiligt werden, kein Sender wegen DAB zum Aufgeben gezwungen werden. Die jetzigen UKW-Stationen müssen sich auf der Frequenzskala des DAB-Radios wiederfinden.

Die APR erkennt an, daß die Medienpolitik das Anliegen der Prviatradios in ihre Überlegungen einbeziehen will. Die Ministerpräsidenten hatten in ihrem Grundsatzbeschluß vom 25. März 1993 die Berücksichtigung der Lokalradios bei DAB beschlossen. Die Wiesbadener CEPT-Frequenz-Konferenz 1995 hat notwendige Frequenzen koordiniert, auch wenn nicht alle Bedürfnisse der Radioveranstalter berücksichtigt wurden und große Engpässe bestehen. Gerade die anlaufenden Pilotprojekte machen dies bei der erstmaligen Umsetzung von DAB in die Praxis deutlich. Viel Arbeit ist noch zu tun, um DAB zum Erfolg zu führen.

DAB kommt und verdrängt UKW

Digital Audio Broadcasting (DAB) wird kommen. Die Journalisten arbeiten mit digitalen Bandgeräten, die Schallplattenfirmen liefern schon lange digitale CDs, die Studios der Radiostationen sind digitalisiert und zu Hause bei den Hörern stehen immer mehr Empfänger mit digitaler Technik. Es ist folgerichtig, die dazwischenliegende Sendetechnik ebenfalls zu digitalisieren. Die Radioübertragung kann sich dem allgemeinen Trend der Technik nicht entziehen.

Die privaten Radiounternehmen machen bei DAB mit. Sie investieren in neue Programme und zusätzliche Informationsangebote, die die digitale Technik neben den Hörfunkprogrammen und als ihre inhaltliche Ergänzung transportieren kann. Privatradios waren digital On Air, als die Anzahl der geeigneten Empfangsgeräte noch an den Fingern einer Hand abgezählt werden konnte.

Bereits 1993 hatten die von der APR präsentierten Hörfunkunternehmen in einer ersten Denkschrift ihre Bereitschaft, sich in und für DAB zu engagieren, bekundet. Sie forderten eine wettbewerbsneutrale Einführung von DAB. Aus Anlaß neuer digitaler Übertragungstechniken sollte das Gleichgewicht im dualen Rundfunksystem nicht zu ihren Lasten verändert werden. Dies ist auch heute noch die Position der Privatfunker. Sie sehen im Gegenteil die Chance, durch Zuweisungen neuer Übertragungsmöglichkeiten, in der Zukunft das überkommene frequenztechnische Übergewicht der öffentlich-rechtlichen Anstalten zu überwinden.

Auch wenn DAB nicht (mehr) offiziell als "UKW-Nachfolgesystem" bezeichnet wird, ersetzt in der Zukunft die neue DAB-Technik UKW in der Praxis. Ähnlich wie damals, als UKW der Mittelwelle den Rang abgelaufen hatte. Weniger die von Technikern gelegentlich gepriesene "CD-Qualität" wird ausschlaggebend sein, denn im fahrenden Auto oder beim tragbaren Gerät ist dieser Qualitätsunterschied zu UKW kaum bemerkbar. Hier wird vielmehr wichtig sein, daß - wenn die technischen Planungen mit großem Aufwand umgesetzt sein werden - Funkstörungen, Signaleinbrüche und Rauschen der Vergangenheit angehören werden. Ingesamt bietet DAB gegenüber UKW den Vorteil, daß mehr Möglichkeiten zusätzlicher Infomationsangebote vorhanden sind. Verkehrsleitinformationen bei der mobilen Nutzung von DAB-Radioprogrammen oder der Empfang von Daten durch PCs mit DAB-Karten sind anschauliche Beispiele. Im Vordergrund wird aber auch zukünftig der Hörfunk stehen.

Hörfunkmärkte völlig geändert

DAB wird die Hörfunklandschaft durcheinander wirbeln. Die Forderung nach wettbewerbsneutraler Einführung bedeutet also nicht, daß alles beim Alten bleiben soll. Für Änderungen sorgt schon die Technik: DAB transportiert Radioprogramme grundsätzlich im Sechserpack - von "Blöcken" sprechen die Fachleute. Sechs Hörfunkprogramme sind ineinander verschachtelt und werden von einer Antenne aus gesendet. Alle sechs Programme sind also an jedem Punkt des Sendegebiets in gleicher Qualität empfangbar. In UKW gibt es derzeit zum Teil überlagernde, allenfalls bei gezielter landesweiter Verbreitung identische Sendegebiete. Deckungsgleiche UKW-Sendegebiete im lokalen und regionalen Hörfunk hat es in der Vergangenheit nicht gegeben. Bei DAB werden aber in der Zukunft immer sechs Programme im identischen Sendegebiet mit gleicher Qualität übertragen - das bedeutet völlig neue Wettbewerbssituationen bei der Berichterstattung sowie der Werbeakquisition. Statt bislang einem müssen sich zukünftig sechs Programme aus der Werbung eines Empfangsgebietes finanzieren, was in lokalen und regionalen Gebieten für sechs Vollprogramme und ihre zur Zeit geltenden Programmauflagen unmöglich sein wird.

Aufgrund andersartiger physikalischer Ausbreitungsbedingungen des DAB-Signals ist es sehr viel mehr auf das "eigentliche" Sendegebiet begrenzt - das jeweilige Bundesland oder die von der Landesmedienanstalt lizenzierte Region. Für jedes Gebiet in Deutschland sind zwei Blöcke, also voraussichtlich zwölf Programme international koordiniert. Hörer in Gebieten mit derzeit einer Vielzahl einstrahlender UKW-Radioprogramme - etwa in der Kölner Bucht, im Rhein-Main-Gebiet oder im Umland von Hamburg - werden deutlich weniger DAB-Programme zu hören bekommen, als sie gegenwärtig in UKW einschalten können. Wollte man die gewachsenen Kommunikationsräume des UKW-Radios in DAB berücksichtigen, müßten beispielsweise die Nordrhein-Westfalen bis nördlich von Köln DAB-Füllsender für rheinland-pfälzische Radioprogramme errichten und umgekehrt die Rheinland-Pfälzer Übertragungstechnik für nordrhein-westfälische Programme in der Eifel errichten. Dazu besteht aber derzeit nicht nur in diesen beiden Bundesländern wenig Bereitschaft.

DAB sendet im "Gleichwellenbetrieb". Das bedeutet, daß in einem Sendegebiet mehrere Sendemasten stehen können, diese aber auf derselben Frequenz betrieben werden, nicht wie bei UKW verschiedene Frequenzen nutzen. Das lästige Umschalten bei der Autofahrt durch das Sendegebiet entfällt. Aber die Auseinanderschaltung der Hörfunkprogramme in unterschiedliche Ausgaben mit Lokalnachrichten und örtlicher Werbung wird zumindest erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Damit entfällt ein weiterer journalistischer Vorzug von UKW. Und für die werbefinanzierten Privatradios entfällt ein Teil der Finanzierungsquelle.

Die akribisch von der Medienpolitik geplante UKW-Landschaft der Privatradios wird in DAB also nicht wiederzuerkennen sein, wenn nicht die vorhandenen Planungsspielräume bei der DAB-Einführung gezielt genutzt werden. Das DAB-Pilotprojekt Baden-Württemberg beispielsweise startete 1995 etwa ein Jahr nach der Neustrukturierung der privaten Lokalfunkszene im Südwesten, die förmliche Ausschreibung der Versuchsprogramme erfolgte rund ein weiteres Jahr später im Sommer 1996. Die vom Gesetzgeber in Baden-Württemberg geschaffene Neuordnung der Hörfunklandschaft steht angesichts der DAB-Einführung gleich noch einmal zur Neuordnung an, Planungs- und Investitionssicherheit wird den Sendeunternehmen und ihren Mitarbeitern nicht eingeräumt. Oder das Beispiel Nordrhein-Westfalen: Bei der Einführung des Zwei-Säulen-Lokalradios wurde die publizistische und wirtschaftlich tragfähige Maximal-Größe der UKW-Sendegebiete durch aufwendige Gutachten bestimmt - für DAB-Lokalradios im Sechserpack gilt dies alles nicht mehr. Alle Landesmediengesetze legen auf die Beachtung gewachsener Kommunikationsräume wert, die bislang rein technische DAB-Planung geht großzügig darüber hinweg. Die medienpolitische Diskussion hat dies bislang noch nicht genügend zur Kenntnis genommen.

DAB-Technik contra Märkte?

Technische Parameter sind veränderbar. Nicht die Technik schreibt der Medienpolitik vor, was zu tun ist, sondern die publizistischen und wirtschaftlichen Anforderungen müssen von der Technik im Rahmen ihrer Möglichkeiten erfüllt werden. In diesem Sinn hat die Forderung nach wettbewerbsneutraler DAB-Einführung nach wie vor höchste Aktualität. Die Wettbewerbsneutralität muß schließlich beim Transport von Rundfunkprogrammen durch technische Dienstleister - früher die Post - sichergestellt werden. Die Einführung eines neuen Übertragungssystems darf nicht zur Folge haben, daß Monopole ausgerechnet in einer Zeit entstehen, in der einer Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte das Wort geredet wird. Es steht zu befürchten, daß die privatisierte Deutsche Telekom AG sich das Übertragungsmonopol auf die DAB-Frequenzen, die auf absehbare Zeit einzig zur Verfügung stehen, sichert. Die Deregulierung durch das neue Telekommunikationsgesetz wäre dann in der Praxis wirkungslos. Gleichzeitig ist zu befürchten, daß die Telekom AG die Vorteile einer privatrechtlichen Preisgestaltung (bei fehlendem Kokurrenzangebot) gegenüber der rechtlich im Hinblick auf die Angemessenheit nachkontrollierbaren Gebühr durchaus zu schätzen weiß. Sie spricht offen davon, die "ganze Wertschöpfungskette" bei DAB nutzen zu wollen. Sie will Service-Studios betreiben, was bisher klassische Aufgabe der Rundfunkveranstalter ist. Sie will die Sender betreiben und sogar Empfangsgeräte anbieten. Bei der Einführung von DAB und bei den Pilotprojekten ist darauf zu achten, daß Wettbewerb auch auf den verschiedenen Stufen der DAB-Betätigung besteht. Insofern hat die Forderung nach wettbewerbsneutraler Einführung inzwischen eine weitere Bedeutung.

Aber auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk findet - gerade vor dem Hintergrund eines zweckgebundenen Gebührennachschlags für den DAB-Aufbau - durchaus Gefallen daran, Sendernetzbetreiber für die private Konkurrenz zu werden. Die Forderung nach vertikalem Wettbewerb gilt gegenüber den Anstalten in gleicher Weise wie gegenüber der Deutschen Telekom AG.

Jedenfalls auf absehbare Zeit wird DAB für sehr viele Städte weniger Hörfunkprogramme bieten, als UKW. Betroffen sind vor allem die journalistisch und wirtschaftlich interessanten Ballungsgebiete. Wenn nicht Korrekturen bei der Frequenzplanung vorgenommen werden, kann es sein, daß nicht alle Hörfunkprogramme den Sprung von UKW in DAB schaffen. Vor diesem Hintergrund ist die Forderung, beachtliche Übertragungskapazitäten auch noch Multi-Media-Angeboten zu reservieren, zurückzuweisen. Es ist niemandem gedient, wenn Radioprogramme verstummen, damit stattdessen im für sie international vorgesehenen knappen Frequenzband Angebote transportiert werden, die im Mobilfunk oder Online genausogut den Empfänger erreichen. Völlig unverständlich wäre es, wenn den Begehrlichkeiten des Fernsehens auf die eigentlich für DAB-Radio reservierten Frequenzbereiche nachgegeben würde.

Wettbewerbsneutrale DAB-Einführung im dualen Rundfunksystem muß also mindestens das bisherige publizistische Angebot des UKW-Radios in DAB sichern. Die bisherigen Programme müssen auch mit der digitalisierten Sendetechnik zukünftig die Hörer erreichen. Zugleich muß alles vermieden werden, was die wirtschaftliche Basis einzelner Veranstalter durch neue Marktverhältnisse gefährdet. Dies würde unter dem Strich weniger publizistischen Wettbewerb bedeuten als bisher. Das kann nicht Sinn einer neuen Sendetechnik sein. Medienpolitisches Ziel muß es vielmehr sein, die bisherigen Angebote zu stärken und zugleich den Grundstein zu legen für eine wettbewerbsfähige und nicht von Monopolen im Übertragungsbereich eingeengte Fortentwicklung des Hörfunks.

Radio hat nämlich auch in der digitalen Medienwelt nicht nur eine Daseinsberechtigung als Mauerblümchen. Vor allem lokale und regionale Hörfunkstationen bieten ein unverwechselbares Programm. Kein europaweiter Satellit und auch keine Online-Dienste im Internet können es ersetzen. Die größte Gefahr, die ihm droht, ist eine unüberlegte Medienpolitik, die modisch Multi-Media hinterherläuft und dabei gewachsene Strukturen außer acht läßt.

DAB-Start teuer - kein Hörer mehr

DAB wird im Anschluß an die Erprobung nicht von heute auf morgen flächendeckend eingeführt werden. Die Programme werden lange Jahre über UKW und in DAB parallel ausgestrahlt werden müssen. Die Hörer werden nach und nach neue DAB-Empfänger anschaffen und ihr UKW-Radio so ersetzen. Über Jahre hinweg wird also die doppelte Abstrahlung in UKW und DAB keinen einzigen Hörer mehr erreichen, aber Kosten für zweifache Programmabstrahlung mit sich bringen. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation vieler lokaler und regionaler Radiostationen werden sie dies nicht aus eigener Kraft tragen können. Demgegenüber haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hier ihren Investitionsaufwand erfolgreich bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) angemeldet und werden ab 1997 zweckgebundene Gebührengelder erhalten. Die wettbewerbsneutrale Systemeinführung bedeutet damit auch, daß die Sendernetze, die die privaten Rundfunkveranstalter nutzen sollen, im Wege der Infrastrukturförderung der Landesmedienanstalten finanziert werden, bis DAB eigenständige Refinanzierungsmöglichkeiten bietet. Den derzeitigen Unternehmen ist es nicht zumutbar, die Infrastruktur zu bezahlen, die nach der eigenen Lizenzlaufzeit möglicherweise von anderen oder später hinzutretenden Konkurrenten genutzt werden, wenn erstes Geld zu verdienen ist.

In diesem Zusammenhang ist eine ökonomische Frequenznutzung im dualen Rundfunksystem unabdingbar. Das sogenannte L-Band eignet sich besser für lokale und regionale Versorgungsgebiete, jedoch ist es teurer, weil wegen ungünstigerer physikalischer Eigenschaften des Frequenzbereichs mehr Sender für die Versorgung einer bestimmten Fläche benötigt werden. Der Frequenzbereich K 12 benötigt weniger Sender je Fläche und ist damit für großräumige Versorgungseinheiten besser geeignet. L-Band Netze sind also teurer als jene in K 12. Es ist daher nachvollziehbar, wenn die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für sich die Nutzung des K 12 reklamieren und den privaten Rundfunk ins L-Band verwiesen sehen möchten. Mit einer wettbewerbsgleichen Frequenzverteilung im dualen Rundfunksystem hätte dies aber nichts zu tun.

Für's Radio kein Bitratenmanager

DAB ist in erster Linie ein Hörfunkmedium. Die Versorgung des Radios mit DAB-Übertragungskapazitäten muß daher oberste Priorität haben. Wenn dann Zusatzdienste möglich sind, müssen die dafür zur Verfügung stehenden Kapazitäten von den Hörfunksendern genutzt werden können. Unter dem Begriff "Bitratenmanagement" versteckt sich bei einigen Beteiligten die Absicht, den Radio-Veranstaltern Übertragungskapazität zu bestimmten Zeitpunkten oder dauerhaft abzunehmen, um sie an Dritte zu verkaufen. Im Ergebnis sieht das - demonstriert auf der Internationalen Funkausstellung 1995 in Berlin - im schlimmsten Fall so aus, daß man ein Radioprogramm hört und auf dem Bildschirm ein Warenhausangebot sieht. Der Hörer meint, es handele sich um Werbung des Radiosenders, während in Wahrheit der Netzbetreiber als "Bitratenmanager" am Radioveranstalter vorbei Datenkapazität verkaufte. Die Wertschöpfung verbleibt dann beim Bitratenmanager und steht nicht mehr den Sendeunternehmen als Werbung zur Verfügung, um publizistische Leistung zu finanzieren.

Im traditionellen Bereich gedruckter Informationen kommen die Bahnhofsbuchhändler schließlich auch nicht auf die Idee, den von ihnen verkauften Zeitschriften rasch noch ein paar Seiten Werbung beizuheften. Der Begriff des Bitratenmanagement macht den Vorgang im digitalen Zeitalter nicht erträglicher.

Die APR hat sich in der DAB-Plattform e.V. bei der Diskussion dieser technisch, wirtschaftlich und rechtlich neuartigen Fragestellung engagiert und Vorschläge angebracht, wonach das in DAB sinnvolle Bitratenmanagement von den Radio-Veranstaltern und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gemeinsam durchgeführt wird, um es gezielt an den publizistischen Belangen des Massenmediums Hörfunk auszurichten.

Nicht jede digitale Übertragungsart verdient das neuzeitliche Adelsprädikat der "Datenautobahn". Auch aus den USA, wo man zwar nicht die DAB-Technik jedoch den Begriff des Information-Highway erfunden hat, setzt sich im digitalen Zeitalter die Erkenntnis durch: It‘s the information, not the highway. Das Informationsangebot steht im Vordergrund, nicht die Digitaltechnik. Dementsprechend ist es falsch, wenn auf allerlei Kongressen der Eindruck erweckt wird, als ginge es inzwischen bei DAB gar nicht mehr um das Radio, sondern um irgendein "Multi-Media" mit ein paar Tönen dabei. Die Zielsetzung von DAB ist vielmehr etwas anderes, nämlich die Einführung von Radio mit verbesserten programmbegleitenden Möglichkeiten. Wenn dann noch Kapazität in DAB frei bleiben würde - und nur unter dieser Voraussetzung - wird es möglich sein, sonstige Datenangebote zu verbreiten, wobei sich hier die DAB-Restnutzung in Konkurrenz zu Online befindet, ohne daß es bei DAB einen direkten Rückkanal gibt.

Privatradios für DAB gerüstet

Obwohl die Endgeräte-Problematik immer noch besteht, und einige technische Rahmenbedingungen noch zu klären sind, kristallisieren sich bei den Programmanbietern immer mehr die Vorstellungen darüber heraus, welche Möglichkeiten Radiosender in DAB nutzen können. Schon hat sich gezeigt, daß nicht alles, was technisch machbar ist, auch programmlich sinnvoll ist. Der Nutzen der DAB-spezifischen Möglichkeiten für die Radio-Anbieter läßt sich in folgende Hauptpunkte unterteilen:

  • Zusätzliche Verbreitungsform mit hohem technischen Komfort.
  • Zusätzliche Möglichkeit der Vermarktung.
  • Stärkung der Hörerbindung.
  • Zusätzliche Auswertung vorhandener Informationen.
  • Entlastung des Audio-Programms bei Erhaltung der Information.

Da die UKW-Frequenzen in Deutschland zunehmend Mangelware sind, aber bei den Hörfunkanbietern durchaus noch Bedarf an zusätzlicher technischer Verbreitung besteht, zudem der Konsument immer mehr Komfort verlangt, bieten sich die technischen Möglichkeiten von DAB als Nutzen für beide Seiten an. Zum einen ist es durch die DAB-Sendetechnik möglich, auch analog schwer zu bedienende Gebiete technisch einwandfrei zu erreichen. Für überregionale Sender besteht daneben die bequeme Möglichkeit, dem Autofahrer ohne Umschalten erhalten zu bleiben. Die oft zitierte CD-Qualität ist bei den augenblicklich angestrebten Bitraten zwar eher zu optimistisch, doch bieten sich im Bereich des sogenannten Fixed-PAD Möglichkeiten, die den Bedienungskomfort erhöhen.

Für die Vermarktung bieten sich für Hörfunkanbieter Chancen sowohl bei programmbegleitenden Informationen ("program associated data - PAD") als auch darüberhinaus als eigenständiges Angebot ("Non-PAD").

Im PAD ist es zum Beispiel möglich, beworbene Produkte nicht nur akustisch sondern auch visuell zu präsentieren, die technischen Rahmenbedingungen hierfür bedürfen allerdings noch der Erprobung. Zumindest dürfte es für bestimmte Kunden einen eindeutigen Anreiz bieten, ihr Produkt optisch darstellen zu können.

Auch besteht hier die Chance, in der Spotkonzeption der Kreativität mehr Raum zu geben, weil bestimmte Elemente, wie Telephonnummern, Adressen etc. auf den PAD-Bereich verlagert werden können, und leidige Wiederholungen entfallen können. Insbesondere für die Direktvermarktung könnte der begleitende Hinweis über PAD wertvolle Unterstützung sein.

Es sind übergreifende Werbeformen möglich, zum Beispiel Sponsoring der Verkehrsmeldungen und dazu Sponsoring der entsprechenden Verkehrsmeldungen im Display des Radiogerätes.

Im Non-PAD bestehen zwei Möglichkeiten der Vermarktung. Zum einen die sozusagen klassische Werbeseite, die für den Kunden gestaltet werden kann, und auf der er die Möglichkeit hat, Informationen über sein Produkt darzustellen. Im Datendienst besteht auch die Möglichkeit sehr weitgehende und spezifische Informationen anzubieten, da der Nutzer selbst entscheiden kann, was und wieviel er über das Produkt erfahren will. Als Beispiel ist oben ein gemeinsames Immobilienangebot eines Radios und einer Tageszeitung dargestellt.

Vor allem der PAD-Bereich bietet die Chance, neue Wege zur Hörerbindung zu gehen. Die zusätzliche Möglichkeit, Sendernamen und Frequenzen zu nennen, sollte nicht unterschätzt werden. Dazu können Informationen über den Sender und seine Mitarbeiter weitergegeben werden, die erfahrungsgemäß für den Hörer besonders interessant sind: Das Bild des Moderators oder eines Stars (Beispiel rechts), sein persönlicher Steckbrief seien hier als Beispiel genannt. Schwerpunkte im Programm werden im PAD auf unaufdringliche Weise dem Nutzer nahegebracht, durch Veröffentlichung von Zuschriften und Aussagen kann sich der Hörer hier wiederfinden.

In jeder Hörfunkredaktion kommen tagtäglich viele Informationen an, die im laufenden Programm nur einmal verwendet werden. Für den Hörer, der zum Sendezeitpunkt nicht eingeschaltet hatte, sind diese Informationen verloren. Außerdem kann bei der aus der Aufmerksamkeit der Hörer des "Nebenbeimediums" Radio resultierenden Zeitgrenze für Wortbeiträge oft nicht alle vorhandene Information untergebracht werden. Auch hier bieten Datendienste einen Weg, um Information an den interessierten Nutzer weiterzugeben. Auch hier sei als Beispiel der Verkehrsdienst genannt, der zu Stoßzeiten außerordentlich viel Platz im Programm einnimmt und trotzdem für den Hörer, der zwei Minuten nach halb einschaltet, verloren ist.

Veranstaltungskalender, Sportergebnisse, Börsenberichte, Hörergrüße und Glückwünsche zählen zu den Inhalten, die von bestimmten Hörerschichten sehr geschätzt werden, bei anderen aber nicht auf Gegenliebe stoßen. Zudem sind diese Informationen oft schwer rundfunkgerecht vermittelbar und verstopfen das Programm. Durch die Verschiebung großer Teile dieser Informationen in den Datendienst wird das Informationsbedürfnis bestimmter Hörergruppen gestillt, ohne daß das Programm darunter leidet. An dieser Stelle sei bemerkt, daß hier keineswegs eine Entwortung des Hörfunks gemeint ist, vielmehr geht es gerade darum, die Wort-Information interessant und dem Hörverhalten gemäß aufzubereiten. Zum Beispiel können in einem Lokalsender die wichtigsten und interessantesten Ergebnisse der zahlreichen Fußball-Amateurligen genannt werden, der anschließende Hinweis auf den Datendienst ist eine Aufforderung zur weiteren Information. Ebenso können hier Hintergrundinformationen zu bestimmten Themen weitergegeben werden, die sonst im Programm nicht erscheinen könnten.

Ohne Empfänger kein DAB-Erfolg

Die im voranstehenden Kapitel skizzierten Ideen zeigen, daß die Privatradios sich durchaus eine interessante Fortentwicklung des Hörfunkangebots für DAB-Technik vorstellen können. Die Planungen gehen soweit, daß schon über Fortbildungsmaßnahmen der betroffenen Journalisten nachgedacht wird. Die Pläne beziehen sich auf die technischen DAB-Normierungen, wie sie auf dem Papier stehen. Wenn es keine Endgeräte gibt, mit denen die Hörer derartige Zusatzangebote empfangen können, wird das journalistische Potential aber brach liegen. Die Ankündigungen der Industrie sind ernüchternd:

Zur Funkausstellung 1997 werden die Endgerätefirmen zunächst Autoradios anbieten, die mit einem Display ausgestattet sind, das zwei Zeilen mit je 16 Buchstaben darstellen kann. Von einer multimedialen Revolution kann nicht gesprochen werden. Diese Geräte werden dann über das Jahr 1998 auf dem Markt angeboten werden, eine neue Gerätegeneration wird es voraussichtlich erst in der nächsten Saison 1999 geben. Stationäre Geräte für‘s Wohnzimmer mit gleicher Ausstattung sind erst in der Planungsphase. Tranportable Geräte wird es wegen fehlender stromsparender Chips mit der DAB-Intelligenz zunächst nicht geben. Kleine schwarz/weiß- Monitore oder PC-Karten werden nach derzeitigem Planungsstand bis Ende 1998 als Sonderzubehör eine untergeordnete Rolle spielen. Diese Ankündigungen vom Sommer 1996 gegenüber dem Vorstand der DAB-Plattform e.V. sind für engagierte Programmveranstalter entmutigend. In Informationshäppchen je 32 Buchstaben läßt sich wenig Zusatzinformation transportieren - Politiker wie der unvergessene Müller-Lüdenscheid hätten keine Chance, in DAB jemals erwähnt zu werden, der Name ist um zwei Buchstaben zu lang für eine DAB-Zeile im Display des Endgeräts. Mit dem geringen Prozentsatz teurer Zusatzgeräte können die neuen Programmformen zwar empfangen werden, jedoch lassen sich die programmlichen Ziele der Sendeunternehmen so auch nicht annähernd erreichen.

Dieses angekündigte Angebot der Endgeräteindustrie ist umso weniger nachvollziehbar, als doch die DAB-Einführung von Anfang an gerade als industriepolitische Vitaminzufuhr für die europäische Elektronikindustrie gedacht war, die mit einem neuen Radiosystem und in Europa liegenden Patenten erstmals wieder in die erste Reihe bei technologischen Spitzenprodukten gebracht werden sollte. Die Industrie hatte lange die Programmveranstalter aufgefordert, Datenangebote vorzubereiten. Diese sind realisierungsreif und werden in Pilotprojekten auch schon angeboten, Endgeräte in vernünftiger Stückzahl und zu erschwinglichen Preisen wird es aber erst auf mittlere Sicht geben und auch nur dann, wenn alles gut läuft. Die privaten Rundfunkunternehmen nehmen dies zur Kenntnis und werden sich von DAB nicht entfernen. Allen Beteiligten muß aber klar sein, daß die eigenständigen und über UKW hinausgehenden Refinanzierungsmöglichkeiten durch Zusatzdienste in weite Ferne rücken und die DAB-Einführung für die Programmveranstalter noch schwieriger wird.

In dieser Schrift sind beispielhaft Endgeräte der ersten Generation wiedergegeben: Die Zwischenüberschriften sind mit dem PC in das Display eines DAB-Radios montiert. Es handelt sich also nicht um ein Gerät, wie es konkret zur Funkaustellung 1997 vorgestellt werden wird, sondern um eine Darstellung der Möglichkeiten des Dis-plays mit zwei Zeilen je 16 Anschlägen. Auch im oben abgebildeten DAB-Zusatzdisplay, das im Auto mit dem Radio verbunden wird, sind ebenfalls beispielhafte Informationen im Computer hinzugefügt worden. Die auf Seite neun abgebildeten Informationsbeispiele im HTML-Internet-Standard könnten auf einem derartigen kleinen Zusatzmonitor im Auto oder nach dem Empfang mit einer PC-Einsteckkarte auf dem Computermonitor sichtbar gemacht werden; im Gegensatz zu Online-Angeboten im Internet erfolgt aber kein interaktiver Informationsabruf von einem Server, möglich ist ein "Blättern" in Informationsseiten innerhalb des DAB-Datenstroms, ähnlich wie bei Videotextseiten des Fernsehens.

DAB: Computer in‘s Radiogerät

Der Empfänger der Zukunft ist ein Computer - im Kleid eines Radios. DAB bringt terrestrisch fast CD-Qualität für den Hörer, gleichbleibenden Empfang auch mit mobilen und später mit tragbaren Geräten. Kleinere Antennen ermöglichen guten Empfang. Durch zwei Innovationen, MUSICAM und COFDM wird es machbar, Programme in digitale Signale umzuwandeln und gebündelt sechs Programme auf einem Träger mit einer großen Bandbreite zu senden. Die Verfahren bewirken - sehr vereinfacht dargestellt:

MUSICAM: durch ein psychoakustisches Phänomen wird es möglich, die beim Übersetzen des Ton-Signals in Daten entstehende Datenmenge erheblich zu reduzieren. Stellen Sie sich das etwa so vor: Ein Ton wird auf einer Geige gehalten, Kammerton A, 440 Hz. Töne, die nun etwa daneben liegen, sagen wir 441 Hz, gespielt von einer anderen Geige, werden vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen. Erst ab einem bestimmten Abstand merken wir einen zweiten Ton. Diese Eigenart nützt nun MUSICAM und rechnet diese "nicht wahrnehmbaren" Frequenzen heraus und übersetzt sie in Daten. Ähnlich ist es mit den Lautstärken: Laute Töne maskieren leise. Kinderlachen geht unter, wenn ein Flugzeug darüber donnert. Auch dieses Phänomen läßt sich in einen Algorithmus übersetzen und hilft, durch Weglassen der leisen Töne, die Datenmenge zu reduzieren.

COFDM: Eine Anzahl von Programmen (im europäischen Modell sechs) wird auf einem Träger übertragen. Ein Träger ist in etwa vergleichbar mit unseren jetzigen UKW-Frequenzen. Wenn Sie sich noch an ihre alten Radios mit Drehknöpfen erinnern, dann hat je nach Radio ein Sender auf der Skala etwa eine halbe Umdrehung am Knopf. Er ist erst schwach, ist dann voll da und wird beim Weiterdrehen wieder schwächer. Die Breite dieses Bereichs nennt man Bandbreite. Bei UKW braucht jedes Programm einen Träger mit einer speziellen Bandbreite. Bei DAB werden mit COFDM sechs Programme auf einem Träger verschachtelt übertragen.

Ein weiterer technischer Trick macht es möglich, daß ein Nachteil der UKW-Technologie als Vorteil genutzt werden kann. Während man bei der UKW-Verbreitung darauf achten muß, daß die Sender auf den gleichen Frequenzen weit genug auseinander liegen, kann bei DAB im Einzugsgebiet einer Station mehrfach mit der gleichen Frequenz für deren Programm gearbeitet werden. Soll im Bereich eines UKW-Senders ein Füllsender eingesetzt werden, muß eine andere Frequenz genutzt werden. Bei DAB kann zukünftig die "gleiche" Frequenz eingesetzt werden.