Stellungnahme

Privatkopie und «intelligente» Aufnahmesoftware

Stellungnahme gegenüber der Bundesministerin der Justiz gemeinsam mit der Deutschen Landesgruppe der IFPI

24. Januar 2006

Die Tonträgerwirtschaft und die privaten Sendeunternehmen betrachten mit Sorge die zunehmende Verbreitung von "intelligenter Aufnahmesoftware" für Rundfunk- und Internetradio-Programme. Diese Software ermöglicht es, einzelne Musikaufnahmen automatisiert aus einem Gesamtprogramm zu extrahieren und einzeln auf der Festplatte abzuspeichern. Von dort können sie ohne weiteres weiterverarbeitet, also insbesondere auf CD-Rs kopiert werden.

Bereits im Mai 2004 hat die Deutsche Landesgruppe der IFPI den Verantwortlichen Ihres Hauses erste Versionen einer "intelligenten" Aufnahmesoftware praktisch vorgeführt. Die Entwicklung ist inzwischen rasant vorangeschritten. Die Zahl der Software-Angebote ist fast unüberschaubar. Es vergeht kein Tag, an dem nicht über neue Angebote und verbesserte Produktvarianten berichtet wird. Bei einigen dieser Software-Angebote ist es möglich, "Wunschtitel" einzugeben, die in den Internetradio-Programmen (Webcasts) gesucht und dann aufgenommen werden, indem Hunderte von "Sendern" automatisch gescannt werden. Hierbei lässt sich meist auch noch die Qualität des gewünschten Streams wählen. Je nach Anzahl der eingegebenen "Wunschtitel" sind für die Suche und das Aufzeichnen nur wenige Minuten bis zu einigen Stunden erforderlich. Vergleichbare Funktionen bieten solche Programme auch für digitale Rundfunkprogramme und ähnlich sogar für herkömmliche, analoge Programm-Angebote. Bei Nutzern substituiert dies gleich zweierlei: den Kauf dieser Titel in legalen Download-Angeboten und die Nutzung der Programmangebote. Es liegt auf der Hand, dass dies tief in die Existenzgrundlagen sowohl der Musikwirtschaft wie der Rundfunkunternehmen eingreift. Werden Programmangebote nicht mehr gehört, sondern nur noch im Hinblick auf die Musik "geplündert", führt dies bei den Anbietern unweigerlich zu Verlusten von Werbeeinnahmen und damit zur Aushöhlung der wirtschaftlichen Substanz. Bei den Tonträgerherstellern führt eine solche "Ausplünderung" zu Umsatzverlusten bis zur Existenzgefährdung.

Das beigefügte Kompendium bildet nur einen kleinen Ausschnitt aus dem derzeitigen Produktangebot. Es veranschaulicht, wie aggressiv für die Software geworben wird. Denn die Botschaft ist immer die gleiche: Wer Musik kauft, ist selber schuld. Es gibt die Möglichkeit, seinen gesamten Musikbedarf durch das Aufnehmen aus Rundfunk und Internetradio einfach und praktisch kostenlos zu befriedigen.

Das Ausmaß der Nutzung ist schon heute erschreckend: Allein mit der Software "Air2MP3" wurden in 2004 von 200.000 Nutzern über 15 Millionen Musikstücke aufgenommen. Wie sollen sich ertragreiche Märkte für Musik, gerade im Online-Bereich entwickeln, wenn sie einer quasi kostenlosen Konkurrenz gegenüber stehen? Und wie sollen die privaten Sendeunternehmen ihre erheblichen Aufwendungen für die Formatierung ihrer Programme durch Werbung finanzieren können, wenn die Programmeinheit "aufgebrochen" und damit wirtschaftlich entwertet wird?

Das Urheberrecht muss sich dieser Entwicklung stellen und Antworten finden. Gern würden wir mit Ihnen mögliche Lösungsansätze diskutieren.

Peter Zombik
Deutsche Landesgruppe der IFPI e.V.

Dr. Stephan Ory
Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk